streunen

Liebe Stephanie,

Ich streife durch das Land, mische mich in Städten und Dörfern unters Volk und beobachte sie vom geschützten Platz der Taverne aus. Mein liebster Fleck ist der Platz vorne im Eck. Dort, wo die Schatten der Sonnenschirme längst nicht mehr hinreichen, wo Trubel und Gemächlichkeit des täglichen Lebens gleichermaßen an einem vorbei ziehen, Hund und Katzen, die jedem und niemandem zugleich zu gehören scheinen, sich neugierig schnüffelnd herantasten, auf der Suche nach Aufmerksamkeit, Spiel, Zuneigung, auf jeden Fall aber auf der Suche nach einem Leckerbissen, so wie ich auf der Suche nach dem Besonderen bin, dem Moment, in dem man beginnt eine fremde Kultur zu verstehen, dem Moment, der auch im Repetitiven, der Monotonie liegen kann, sich aus den Hunderten und tausenden Gesichtern und Stimmen akkumuliert, die den Fluss bilden, der wie die Zeit an mir vorbeifließt.

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Es ist die Abgeschiedenheit und das Alleinsein, das mich lockt. Ich, der Beobachter, der selbst am Rand des Café und damit der Gesellschaft sitzt. Es ist ein Mittendrin, das mich aus den Interaktionen ausspart, das mich beobachtet, aber mit einer Teilnahmslosigkeit zur Kenntnis genommen werden lässt, die es mir ermöglicht, ohne eine Störung befürchten zu müssen, meine Gedanken schweifen zu lassen, so sie des Hier und Jetzt überdrüssig werden und ihrem Drang nach Freiheit nachgeben.

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Ich empfinde mein Dasein als Mix aus Leben und Alleinsein. Ich bin nie einsam, es gibt stets etwas, das meine Aufmerksamkeit erregt, Leben, das von mir beobachtet und niedergeschrieben werden will, aus dem ich mich aber tunlichst raushalte. Ich möchte es nicht stören, nicht an mich anpassen. Ich möchte es genießen, so wie der Mensch eigentlich die Natur genießen sollte: unbemerkt und ohne Spuren zu hinterlassen. Wobei: Das mit den Spuren, gebe ich zu, mag mir hoffentlich nicht gelingen, wenn ich denn, wie es wohl jeder Künstler hofft, gelesen werde und die Worte, die ich zu Papier bringe, die Menschen, die sie erreichen, bewegen.

Hier in der Zurückgezogenheit gebe ich mich der Illusion hin, dass Träume wahr werden. Und sei es nur im Kleinen. So bekommt der Kellner ein extra großes Trinkgeld. Für den weiten Weg, den ich ihn ein paar Mal laufen habe lassen. Und weil er vielleicht von einem knausrigen Touristen, der stundenlang einen Tisch belegt, weniger erwartet.

Siehe da: Jetzt habe ich doch tatsächlich einen Eindruck hinterlassen.

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Aus der Reihe „literarische Briefe“, einem Gemeinschaftsprojekt mit Bloggerin Effi

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2 Kommentare zu „streunen“

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